Ein Rendezvous mit Ebola

“Hallo, ich bin Ebola”, sagte er und streckte seine Hand mit etwas zu viel Selbstbewußtsein aus, so wie wenn er bei einem Vorstellungsgespräch anstatt einem Rendezvous wäre.

Sie hatte kaum Zeit, sich zu setzen, bevor er fortfuhr: “Ich bin derzeit das gefürchtetste Virus der Welt. Ganz Westafrika ist praktisch abgeschnitten wegen mir. Für mehr als 50% meiner Opfer bin ich tödlich. Bisher schon mehr als 5.700 bestätigte Todesfälle. Vor kurzem war ich sogar ein großes Thema im amerikanischen Wahlkampf.”

“Überall auf der Welt haben die Menschen panische Angst vor mir”, fügte er nach einer Pause an, die zu offensichtlich für ihren Effekt geplant war. Sie konnte sich vorstellen, wie er es vor dem Spiegel geübt hatte.

Während er weiter über Infektionen, Symptome, den Mangel an Impfstoffen, die Angst der afrikanischen Krankenschwestern und geschlossene Flughäfen schwadronierte, hörte sie schon nicht mehr zu und beobachtete stattdessen die anderen Menschen in der Bar. Es war ein Fehler gewesen, sich mit einem Kerl zu verabreden, der viel jünger als sie selbst war.

Erleichterung war deshalb ihre erste Reaktion als er nach den langweiligsten 45 Minuten ihres Lebens sagte: “Hey, tut mir leid, aber ich muss weiter. Ich muss noch eine Menge Menschen infizieren.” Sein Gesicht verwandelte sich in einen großen Zwinkersmiley, der trotz seiner Falschheit dazu einlud, ihm eine echte Faust draufzusetzen.

“Das war eine putzige Geschichte”, sagte sie, wohl wissend dass er dieses Wort hassen würde. Ihr Lächeln war authentisch, wenn auch spöttisch. “Ich bin übrigens die Pest, aber ich bin schon lange im Ruhestand.” Der Name schien ihm nichts zu sagen.

Als sie nach Hause ging, allein im Schein des nebelverhangenen Mondes, erwog sie zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Comeback. Nur um diese Jungspunde auf ihre Plätze zu verweisen.

Pest im Mittelalter(Click here to read this story in English.)

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Zigarren machen gesund

“Sie können hier nicht rauchen! Das ist ein Krankenhaus” blaffte mich die Krankenschwester an, obwohl ich die Zigarre noch nicht einmal angezündet hatte.

“So?” fragte ich. “Sie haben wohl den ‘Zauberberg’ nicht gelesen?”

Die unwirsche Antwort “Hier herrscht Rauchverbot!” ging auf meine Frage nicht erkennbar ein, so dass ich mich zum Abbruch der noch nicht richtig in Fahrt gekommenen Diskussion entschied und die mangelnde literarische Bildung des medizinischen Personals nur mit einem selbstgefälligen Grinsen bedachte, bevor ich durch den langen Flur in Richtung des viel zu kleinen Gartens des viel zu verbotsbeladenen Hospitals schritt.

Dort erkannte ich, was den traurigen Gestalten in Rollstühlen, grauen Decken und mit Schläuchen, die aus ihnen heraus und wieder in sie hinein führten, fehlte. Morgen würde ich eine ganze Kiste Zigarren mitbringen.

maria_mancini_Zigarren(This life-saving advice is also available in English.)

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Kurze Romanze

“Versprich mir, dass Du mich immer wie eine Prinzessin behandeln wirst”, bat sie ihn fast flehend, ihre Augen voller Hoffnung.

“Ich bin eigentlich eher ein Antimonarchist”, antwortete er und erschoss sie, wobei sich um seine Mundpartie eine eigenartige Kombination aus Trauer und Verachtung bildete.

execution of Romanov(Click here to read this romantic short story in English.)

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Wir wären eigentlich gewarnt gewesen.

Zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi plakatierte die russische Sberbank: ” Heute Sotschi, morgen die Welt.”

Sochi today the world tomorrowDiese Warnung hätten wir mal besser ernst genommen.

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Die Gefahren der Moderne

Angela Merkel warnt vor Globalisierung

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Auch Kühe können moderne Kunst

cow modern art(Fotografiert im Dorf Bosača in Montenegro.)

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Fahrt in das Hochland von Montenegro (mit Videos)

Es ist still geworden im Minibus. Die letzten Gespräche sowie das Radio sind verstummt, während der Fahrer sich auf die kurvenreiche Straße durch die Berge konzentriert. Der Blick der Fahrgäste fällt in tiefe Schluchten, auf die herbstlichen Wälder und auf die Berge in der Ferne, die zusammen mit den düsteren Wolken bedrohlich wirken.

In Nikšić mußten wir von einem Bus in Normalgröße in einen Minibus umsteigen. Die Straßen auf dem Weg ins Durmitor-Geburge in Montenegro sind zu kurvenreich, die Steigung zu stark für normale Reisebusse. Vielleicht will der Busunternehmer auch sein finanzielles Risiko begrenzen, falls doch einmal ein Bus von der Straße abkommt und unrettbar in eine der Schluchten stürzt.

Im Nirgendwo steigt eine Frau mit Einkaufstüten aus. Ich sehe weit und breit kein Haus, keine Siedlung. Auf der Landkarte sehe ich, dass das nächste Dorf etwa 10 km entfernt ist. Auf einer Passhöhe steht am Straßenrand ein Sofa. Relativ neu, aber ohne erkennbaren Nutzen an diesem verlassenen Ort.

bus Zabljak mountains

Es wird immer dunkler. Die Wolken hängen schwer und so tief, dass man nicht sagen könnte, wo sie aufhören und wo der Nebel beginnt. Die Sonne ist nicht erkennbar. Es ist keine Nacht, auch noch keine Dämmerung, aber wie unterm Tag kommt es mir auch nicht vor. Es ist wie eine nicht bestimmbare Tageszeit, die nur für diesen Ort erschaffen wurde. Alle fünf oder zehn Kilometer steigt jemand aus. Eingestiegen ist seit Nikšić niemand mehr.

bus Zabljak house

Nach etwa zwei Stunden öffnet sich eine Hochebene mit weiten Wiesen, ein paar Kühen, vereinzelten Häusern, die Hälfte von ihnen verfallen, die andere Hälfte windschief. Eine rauhe, karge Landschaft. Die wenigen Häuser liegen weit auseinander. Die Szene sieht aus wie das Gemälde eines Malers, der die dreckigen Restfarben im Malkasten nicht vergeuden will und deshalb in grau, schwarz, braun und fahlem dunkelgrün schnell etwas hinschmiert. Verblichene Farbfotos aus dem Zweiten Weltkrieg sehen genauso aus. Oder die Schottland-Szene in Skyfall.

Zabljak highlands spooky

Es regnet nicht, es stürmt nicht, es gewittert nicht, wie wenn die dunklen, drückenden Wolken mit der ständigen Androhung eines Unwetter zufrieden sind. Die Heizung im Bus wärmt meine Füße, aber mein Oberkörper friert. Manche der Fahrgäste haben ihre Mützen aufgesetzt. Noch immer kein Wort. Es herrscht ein Gefühl wie bei einer Fahrt ins gefährliche Ungewisse, wie wenn in den nächsten Tagen der Winter hereinbrechen wird und wir einige Monate hier oben gefangen sein werden. Žabljak liegt auf 1.455 m und ist die höchstgelegene Stadt des Balkans. Der Flughafen ist schon lange außer Betrieb.

Zabljak highlands house tree

Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass der Sommer hier überhaupt jemals herfindet. Die grauen Berge stehen wie steingewordene Flüche an den Seiten des weiten Tals, wie wenn sie alles Fröhliche, Bunte, Lebhafte abhalten möchten. Sie würden dunkle Schatten auf den vertrockneten Weiden werfen, wenn denn die Sonne durch den Nebel dränge und wenn das ausgebleichte Gras für Schatten empfänglich wäre.

Hier ein Video, auf dem man schon die ersten Häuser der Stadt Žabljak erkennt:

Bei der Ankunft sind noch drei Passagiere im Bus. Endstation. Es ist eisig kalt. Ein bibbernder Mann am Busbahnhof bietet mir ein Fremdenzimmer für 9 € pro Nacht an. Ich habe aber leider schon etwas gebucht, für 15 € pro Nacht. Und für drei Tage. Drei Tage an diesem schaurigen, unwirtlichen, kalten, farblosen Ort. Morgen ist Halloween.

Nachtrag: Der Fairness halber sei gesagt, dass nach zwei Tagen der nebligen Düsternis die Sonne durchbrach und es richtig schön wurde. Durch diesen Kontrast hat das Durmitor-Gebirge einen besonderen Platz in meinen Reiseerinnerungen eingenommen.

Nachtrag 2: Die von mir erlebte und geschilderte Stimmung kommt bei einem Film von National Geographic sehr gut rüber. Die alte Dame mit der Flinte habe ich leider nicht angetroffen.

(Click here for the English translation.)

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