Video-Blog: Banküberfall in Tirana

Eines sonnigen Nachmittags spazierte ich durch Tirana und ahnte nichts Böses, als ich plötzlich diese bewaffneten Männer vor einer Bank sah.

bank robbery 1

bank robbery 2

Ganz offensichtlich war ein Banküberfall im Gange. Am hellichten Tag. Im Herzen der Stadt. Millionen von Albanern, die ihre gesamten Ersparnisse in soliden Schneeballsystemen angelegt hatten, drohte der Totalverlust. Und weit und breit war keine Superheldin zu sehen, die den Raubzug stoppen hätte können.

Mit trotz der Gefahr gewohnt klarem Kopf erkannte ich sofort, daß ich drei Optionen hatte:

  • Ich könnte die Polizei anrufen. Allerdings wußte ich deren Nummer nicht.
  • Ich könnte den Bankraub eigenhändig unterbinden. Allerdings hatte ich an dem Tag noch nichts gegessen und hatte deshalb nicht genug Energie.
  • Ich könnte das Geschehen filmen, um Euch davon zu berichten.

Also ging ich hinter einem Auto in Deckung, blieb dabei aber so nah wie möglich am Ort des Geschehens und filmte den folgenden Schusswechsel:

(This exclusive story is of course also available in English.)

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Wo George W. Bush noch beliebt ist

Nirgendwo auf der Welt habe ich bisher eine “George-W.-Bush-Allee” oder einen “George-W.-Bush-Platz” gesehen. Aus irgendeinem Grund ist er nicht mehr sonderlich beliebt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es in den USA selbst eine “George-W.-Bush-Straße” gibt, außer vielleicht in Texas.

Aber dann habe ich in Tirana in Albanien gleich ums Eck von meinem Hotel diese Schilder gesehen: “George-W.-Bush-Straße”

rruga George W Bushrruga George W Bush 2

Wie wohl amerikanische Islamhasser die Tatsache interpretieren, daß einige der Amerika-freundlichsten Länder Europas diejenigen mit großen muslimischen Mehrheiten (insbesondere Albanien und Kosovo) sind?

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Auf nach Westen

ferry into sunset17. Juli 2014. In der albanischen Hafenstadt Vlora (wobei albanisch hier nur eine geographische Bezeichnung ist, denn Vlora ist eher eine typische Mittelmeer-Tourismus-Hafenstadt, die so auch in Italien oder in der Türkei liegen könnte) bin ich an Bord einer etwas älteren und nicht zu großen Fähre gegangen, um nach Brindisi in Italien überzusetzen. Einige Stunden auf heute absolut ruhiger See stehen mir bevor.

Das Ablegen verzögert sich um eine Stunde, wohl auch weil etwas zu viele Autos in die Fähre drängen. Manche müssen wieder rückwärts rausrangieren, um Platz für andere zu machen und um den Stauraum optimal auszunutzen. Die Einweiser spielen Tetris mit Wohnmobilen und Kombis. Erst später beim Aussteigen werde ich das Ergebnis sehen: einige Autos sind quer geparkt, und alle stehen so dicht aneinander, daß manche Fahrer nur durch die Dachluke ausgestiegen sein können.

Wirklich überladen ist die Fähre dennoch nicht. Es sind noch ausreichend Tische und bequeme Sessel frei. Das Restaurant ist fast vollkommen leer. Mich zieht es aber an die frische Luft. Noch für ein paar Stunden Sonne, Wind und Meer genießen bevor ich nach zwei Wochen Urlaub wieder an Schreibtisch und Computer muß.

Sazan view from ferryDie Fähre liegt noch im Hafen, aber meine Grundkenntnisse interstellarer Konstellationen sagen mir, daß, wenn wir auf der Nordhalbkugel nach Westen fahren, mittags die Sonne von backbord kommt. Also mache ich mich steuerbord auf einem Zwischendeck breit. Anfangs erwischt mich hier zwar noch die pralle Sonne, aber nachdem wir den Hafen von Vlora verlassen und an der ausschließlich militärisch genutzen Insel Sazan vorbeituckern, hat sich ein wohltuender Schatten über mich gelegt. Nur meine von den Turnschuhen befreiten und breit ausgestreckten Füße werden von der Sonne erreicht. Ich zünde mir eine erste Zigarre an; mein Rucksack dient als Kopfkissen. So läßt sich reisen. Ich verstehe nicht, wieso jemand Geld für eine Kabine verschwendet.

Rückblende. Vage Erinnerungen an die Fernsehnachrichten von damals, jetzt anläßlich der Albanien-Reise aufgefrischt. 1991, unter anderem auf genau dieser Strecke von Vlora nach Brindisi, aber auch von Durrës nach Bari, waren Boote unterwegs, auf denen kein Auto Platz gefunden hätte, auf denen sich niemand so ausstrecken konnte, wie ich es jetzt tue. Die Schiffe damals waren gepackt voll. Übervoll. Albanien war in der Umbruchphase nach Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur, die Zukunft war höchst unsicher. Viele Albaner befürchteten eine gewaltsame Reaktion der Regierung gegen das rebellierende Volk. So kaperten sie in den albanischen Häfen Schiffe und zwangen die Kapitäne zur Fahrt nach Italien.

Albania 1991 refugees

Auf dem Frachtschiff Vlora befanden sich bei der Überfahrt nach Italien angeblich um die 10.000 Menschen.

Albania 1991 refugees boat

Albania 1991 refugees boat full

Zurück im Jetzt, Juli 2014. Albanien hat sich stabilisiert, es ist friedlich. Mein persönlicher Eindruck war außerordentlich positiv. Einiges, von Fremdsprachenkenntnissen bis zur Geschwindigkeit des Internets, war besser als in manchen Teilen Westeuropas. Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sowieso. Seit drei Wochen ist Albanien Beitrittskandidat der Europäischen Union.

Auf der Fähre mit mir sind hauptsächlich albanische Familien, viele von ihnen leben aber schon lange in Italien und sind mittlerweile italienische Staatsbürger. In Brindisi schleppen und rollen sie riesige Koffer mit Kleidung, Nahrungsmitteln, Elektrogeräten, Büchern von Bord. Auf den Fotos von 1991 hat niemand auch nur eine kleine Tasche oder einen kleinen Rucksack.

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Wie schreibt man Computer?

- “Wie schreibt man ‘Computer’?”

- “Wie man es spricht.”

Kompiuter

(Fotografiert in Vlora in Albanien.)

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Er war ein Fußball-Fan

Fussball Friedhof(Fotografiert auf dem Friedhof von Prilep, Mazedonien.)

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Für eine richtige Kirche war nicht genug Geld da

Auf meiner Wanderung von Prilep zum Kloster Treskavec in Mazedonien begrüßte mich nach einem besonders steilen Aufstieg dieses Modell einer Kirche inmitten eines wilden Feldes, das wegen seiner Abgeschiedenheit und der Höhenlage wohl nie abgeerntet wird. Ich dachte schon, ich sei veräppelt worden und daß es gar kein echtes Kloster gäbe, so daß ich die 10-km-Bergwanderung in sengender Hitze nur für dieses Spielzeug gemacht hatte.

model Treskavec

Gestört hat es mich aber nicht, denn der Ausblick war phantastisch.

view hike TreskavecNach einer langen Rast (und vielen gesunden Früchten zum Mittagessen) setzte ich den Aufstieg fort und fand schließlich das echte Kloster Treskavec.

Ich sah solche Modelle von Kirchen fast überall in Mazedonien, oft außerhalb der richtigen Kirche, manchmal auch alleinstehend. Weiß jemand etwas über deren Bedeutung?

(To the English version of this article.)

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Video-Blog: WM-Finale 2014

Manche Leute nehmen ihren Jahresurlaub für die Fußball-WM. Ich hingegen habe erst nach der Planung meiner Reise nach Griechenland, Mazedonien und Albanien gemerkt, daß überhaupt eine Fußball-WM stattfindet. Solange dadurch keine Züge ausfallen sollten, war mir das egal.

So war ich am 13. Juli 2014, am Tag des Finalspiels zwischen Deutschland und Argentinien, zufällig in der albanischen Hauptstadt Tirana. Schon den ganzen Tag über sah ich Menschen in Deutschland-Trikots, Deutschland-Fahnen vor Restaurants und Bars und an Autos und andere schwarz-rot-goldene Markierungen. Während einer Wanderung auf dem Berg Dajti hatte ich einen Albaner getroffen, der mich darauf hinwies, daß mit Shkodran Mustafi ein Sohn albanischer Eltern im DFB-Team spielt, aber die Deutschland-Begeisterung schien mir mehr allgemein und unabhängig von einem (sowieso wegen einer Veletzung ausgeschiedenen) Spieler zu sein. Schon bei meiner Ankunft am Tag zuvor hatte mir die Wirtin meiner Pension gesagt, daß sie es nicht erwarten könne, bis die WM vorbei sei, da sie das ewige “Germany, Germany”-Gerede ihres Mannes nicht mehr ertragen könne.

Das Spiel wurde in jeder Bar, in jedem Restaurant und in jedem Garten übertragen. Man konnte durch ganz Tirana spazieren, ohne eine Sekunde des Spiels zu verpassen. Der größte Auflauf war im Zentrum, wo etliche große Leinwände aufgestellt waren, Rücken and Rücken, so daß die Zuschauer von beiden Seiten aus zusehen konnten. Alle 50 und 100 Metern dann wieder so eine Doppelleinwand, und so ging es durch die ganze Fußgängerzone.

Hier kam ich gerade zufällig vorbei, als das einzige Tor des Spiels fiel:

Und das war kein neutraler Torjubel. Auch schon vorher waren die Anfeuerungsrufe eindeutig auf das deutsche Team konzentriert. Entsetzt war ich darüber, daß sogar in Albanien, das ja immerhin mal von den Nazis besetzt war, jemand mit einem “Deutschland über alles”-Plakat herumläuft. Mangelndes Geschichtsbewußtsein ist ein globales Phänomen.

Ein Junge konnte mit dem Abbrennen seiner Fackel nicht mehr bis zum Schlusspfiff warten:

Als das Spiel endlich aus war, tanzte die Menge, wie wenn Albanien selbst den WM-Titel gewonnen hätte:

Jemand hatte ein Feuerwerk mitgebracht (und ich frage mich, ob er es auch für Argentinien abgebrannt hätte):

Vom Minarett der nahen Et’hem-Bey-Moschee rief der Muezzin “Allah u akbar”: Gott ist groß. Das fand ich dann wirklich übertrieben.

Man merke sich also: Will man bei zukünftigen Europa- und Weltmeisterschaften dem deutschen Fußballtrubel entgehen, ist Albanien kein gutes Reiseziel. Ansonsten ist es aber ein sehr sympathisches Land.

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